„Daß Sie sich in Mannskleÿder gesteckt, das hätten ja mehr Weibsleuthe gethan“

Crossdressing in der Frühen Neuzeit

von Anna-Lena Knebel

Im Juni 1708 stand Anastasius Beuerlein kurz vor seiner Hinrichtung. Wie so viele andere Soldaten im Spanischen Erbfolgekrieg war er desertiert und dafür zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Im Angesicht des Todes blieb ihm nur noch eine Möglichkeit, sein Leben zu retten. Er bat darum, ein letztes Mal die Beichte abzulegen und gestand dem Pfarrer unter vier Augen sein gut gehütetes Geheimnis — Anastasius Beuerlein war in Wirklichkeit eine Frau namens Catharina Linck. 

So spektakulär diese Episode aus Catharina Lincks Leben auch klingen mag, so war sie doch nicht die einzige Frau, die sich, besonders vom 17. bis ins 19. Jahrhundert, durch das Tragen von Männerkleidung vor allem wirtschaftliche, aber auch anderweitige, Freiheiten verschaffte.

Die Forschenden Rudolf Dekker und Lotte van de Pol konstatieren in ihrer Studie zu Frauen in Männerkleidung in den Niederlanden in der Frühen Neuzeit, dass in den Quellen so viele Hinweise auf Frauen zu finden sind, die in Männerkleidung lebten und arbeiteten, dass es sich dabei nicht um kuriose Einzel-Phänomene gehandelt haben kann — bis heute stolpern Historiker:innen immer wieder über bisher unbekannte Fälle. 

Catharina Margaretha Linck wurde 1687 im heutigen Thüringen als uneheliches Kind eines Soldaten geboren. In Glaucha bei Halle wuchs sie in dem Waisenhaus auf, in dem ihre Mutter angestellt war, bevor sie zunächst Prophet und später Soldat wurde. Dass wir heute so viel über Catharinas Leben wissen, verdanken wir zu großen Teilen der Autorin und Literaturwissenschaftlerin Angela Steidele, die eine Vielzahl an Quellen ausgewertet hat, um in einer Biografie das Leben von Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel nachzuzeichnen. Schon in jungen Jahren legte Catharina Linck zum ersten Mal Männerkleidung an und schloss sich kurz darauf einer radikalpietistischen Gruppe an, mit der sie als Mann umherzog und von der sie sich auch auf den männlichen Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel taufen ließ.

Dass doch einige Frauen diesen Lebensweg wählten, führt zwangsläufig zu der Frage, wie sie überhaupt auf diese Idee kamen. Catharina Linck selbst bekundete später vor Gericht: „Daß Sie sich in Mannskleÿder gesteckt, das hätten ja mehr Weibsleuthe gethan“. Tatsächlich finden sich im frühneuzeitlichen Europa immer wieder Hinweise auf (temporäre) Umkehrungen des Geschlechts bei Festen und Karnevals. Während bei den meisten Volksfesten jedoch vermehrt Männer die Frauenrolle einnahmen, finden in der zeitgenössischen Literatur auch umgekehrte Wechsel statt. Ein Beispiel dafür ist der Schelmenroman, dessen Ursprünge im 16. Jahrhundert liegen und der mit Motiven wie dem des Geschlechterwechsels spielt. Man nehme etwa Grimmelshausens Libuschka, auch genannt Courasche, die Heldin des Schelmenromans „Trutz Simplex oder Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche“, die sich zu ihrem eigenen Schutz als Mann verkleidet und Page eines Rittmeisters wird, der sie das Fechten lehrt. Die Historikerin Natalie Zemon Davis vermutet, genau wie andere Forschende, dass sich reale Frauen durch Erzählungen von weiblichen Ausnahmeerscheinungen inspirieren ließen. Nicht nur literarische Darstellungen, auch die reale Praxis des vorübergehenden Verkleidens auf Reisen oder das mündliche Weitertragen von Geschichten über Frauen, die beispielsweise in Männerkleidung zur See fuhren, wie die noch heute berüchtigte Piratin Mary Read, trugen wohl dazu bei, diese Praxis bekannt zu machen. Dass Catharina Linck, auch wenn sie höchstwahrscheinlich keine pikaresken Romane las, durch mündliche Überlieferungen, Volkslieder oder vielleicht sogar persönliche Bekanntschaften um die Existenz anderen Frauen wusste, die sich als Männer ausgaben, scheint also durchaus plausibel. So ergänzte sie in ihrer Aussage, „aber wenn Sie auch schon aus dem Wege geraümet würde, so bliebe doch dergleichen“, womit sie wohl darauf hinweisen wollte, dass sie nicht die einzige Frau war, die sich als Mann ausgab.

So manche Frau ließ sich also durch diese Erzählungen inspirieren und legte selbst Männerkleidung an. Dies geschah sicherlich aus individuellen, teils unterschiedlichen Motiven — etwa um der eigenen Armut zu entkommen, einem Geliebten unentdeckt zur See zu folgen, seine Sexualität auszuleben oder um die eigene wirtschaftliche Situation zu verbessern. Auch wenn letzteres nicht immer Hauptmotiv war, war es oftmals die Folge der Verkleidung. Als Mann verkleidet konnte man etwa zur See fahren, sich so Unterkunft und Verpflegung sichern und als Matrose oder gar Pirat über die Meere segeln. Besonders dort lassen sich viele als Männer getarnte Frauen nachweisen. Dass sie rückblickend hier überrepräsentiert sind, mag aber auch daran liegen, dass es auf See besonders schwer war, sein wahres Geschlecht zu verbergen. Auch als Landsoldaten verdingten sich viele als Männer verkleidete Frauen — besonders zu Kriegszeiten lassen sich darauf viele Hinweise in den Quellen finden.

Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel kehrte nach der Zeit bei den Pietisten nur für kurze Zeit in die Heimat zurück und begann bald darauf, im Jahr 1705, ihre Zeit als Soldat. Während der Spanische Erbfolgekrieg in Europa tobte, waren auch in Halle Soldatenwerber auf der Suche nach Rekruten. Anastasius gab sich nun den Nachnamen Beuerlein und wurde als Musketier Teil der Truppen des Kurfürstentums Hannover — nicht nur in der für Fußsoldaten üblichen Kleidung, sondern mit einem am Oberkörper angelegten Stück Weißblech, das die verräterische Brust verdeckte. Die eingangs geschilderte Demaskierung nach ihrer Verhaftung im Jahr 1708 machte sich bezahlt und Catharina Linck entging dem Galgen. Eine junge Frau, die, so schwindelte sie es dem Pfarrer vor, aus gutem Hause stammte, wollte man nicht zum Tod am Galgen verdammen. Dem Leben als Soldat kehrte sie jedoch nicht den Rücken und so verpflichtete sie sich nach ihrer Entlassung aus der Haft erneut, dieses Mal bei einer anderen Kompanie. Insgesamt sieben Jahre diente Anastasius unter verschiedenen Pseudonymen bei unterschiedlichen Truppen als Fußsoldat — ein Indiz dafür, dass sie in diesem Leben einige Vorteile sah. 

Nicht nur als Landsoldat war es einfacher, die wahre Geschlechtsidentität geheim zu halten als auf hoher See. Auch, so weiß man heute in der Forschung, als Handwerksgesellen, Pfeifenbrenner, Stallknechte oder Hausdiener arbeiteten als Männer verkleidete Frauen. Denn nicht nur eine Laufbahn als Soldat oder Matrose, auch die Ausübung ziviler Berufe versprach oftmals eine Verbesserung der eigenen finanziellen Lage durch Aufstiegsmöglichkeiten sowie eine bessere Bezahlung.

Überliefert ist etwa in Rudolf Dekkers und Lotte van de Pols Studie der Fall von Maritgen Jans, die später als David Jans in ihrem ursprünglichen Beruf in einer Seidenzwirnerei nicht nur mehr verdiente als als Frau, sondern sogar bis zum Werkmeister aufstieg. Auch der Historiker Fraser Easton fand in zeitgenössischen Zeitungen Großbritanniens Hinweise auf Frauen, die in Männerkleidung als Metzger, Köche, Schiffsbauer, Maurer und Dienstboten arbeiteten. 

Es verbesserten sich also durch die Verkleidung als Mann oftmals die berufliche und damit finanzielle Perspektive. Dies geschah sowohl durch bessere Bezahlung und Aufstiegschancen in Berufen, die auch Frauen offenstanden, als auch der Zugang zu Beschäftigungen, die Männern vorbehalten waren, wie etwa beim Militär. 

Während das reine Tragen von Männerkleidung im Arbeitskontext zwar nicht gern gesehen wurde und sicherlich als unschicklich galt, war es aber doch die Nutzung des vermeintlich männlichen Körpers im Kontext der Sexualität, die für Frauen besonders schwere rechtliche Konsequenzen haben konnte, da dies von Zeitgenossen als schwererer Betrug angesehen wurde als die reine Ausübung (männlicher) Berufe. 

Nachdem Catharina Linck im Jahr 1712 nach Halle zurückgekehrt war, arbeitete sie als Spinnerin und stieg, als Frau, innerhalb des Betriebs auf. Hier zeigt sich, dass andererseits der berufliche Aufstieg auch als Frau nicht ausgeschlossen war und nicht in jedem Fall das alleinige Motiv für das Crossdressing darstellte. In einem späteren Verhör gab sie selbst an, auch während dieser Zeit in Halle ab und an Männerkleidung getragen zu haben, was offensichtlich bis zu einem gewissen Grad geduldet wurde. 

In Catharina Lincks Fall ist auch die sexuelle Orientierung als treibende Kraft oder zumindest Teil des Motivs nicht zu vergessen. Bereits in der Zeit beim Militär hatte Anastasius Rosenstengel (mit einem aus Leder angefertigten Glied) männliche Geschlechtsmerkmale imitiert und nach eigener Aussage diverse Liebhaberinnen gehabt. Im Jahr 1717 lernte Catharina alias Anastasius in Halberstadt Catharina Mühlhahn kennen und lieben. Noch im gleichen Jahr heirateten die beiden — ein Schritt, der ihnen schließlich zum Verhängnis werden sollte. 

Die Forschung zur weiblichen Homosexualität in der Frühen Neuzeit ist nach wie vor lückenhaft, doch geht man davon aus, dass das Konzept von Sexualität so phallozentrisch war, dass ein Ausleben ebendieser mit einem männlichen Part in der Beziehung meist erst denkbar wurde. Dies bedeutet im Umkehrschluss sicherlich nicht, dass Frauen nie Liebesbeziehungen eingingen, ohne die Geschlechtsidentität zu wechseln, doch finden sich in ganz Europa Beispiele von Frauen, meist aus den Unterschichten, die (nach außen) als Mann und Frau verheiratet waren.       

Ob es sich bei Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel um eine lesbische Frau oder einen trans* Mann handelte, lässt sich rückblickend nicht mit Sicherheit sagen. Ihre Biografin Angela Steidele macht aber deutlich, dass Catharina, wenn sie entdeckt wurde, nie darauf bestand, ein Mann zu sein — anders als etwa Maria van Antwerpen alias Jan van Ant, der in seiner Biografie mit „Mutter Natur“ haderte, durch die er sich vermutlich in einem Frauenkörper gefangen fühlte.

Catharina Linck, der ihre Schwiegermutter auf die Schliche gekommen war, wurde im Jahr 1721 als letzte Frau in Europa wegen Unzucht mit einer anderen Frau hingerichtet.

Schillernde Persönlichkeiten wie Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel, Piratinnen wie Mary Read oder andere Frauen, die sich als Männer ausgaben, wirken heute fast wie romantische, gar filmreife Einzelfälle. Wie aber die Forschung zeigt, waren diese Frauen, besonders in Nordwesteuropa, keine Seltenheit. Aus verschiedensten Gründen betrieben sie Crossdressing und führten damit meist Leben, die ihnen in Frauenkleidung so nicht möglich gewesen wären, da die Männerkleidung ihnen berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, aber auch andere Freiheiten, wie eine größere räumliche Bewegungsfreiheit oder die Möglichkeit zum Ausleben ihrer Homosexualität, verschaffte. 

Weiterführende Literatur

Dekker, Rudolf/van de Pol, Lotte, Frauen in Männerkleidern. Weibliche Transvestiten und ihre Geschichte, Berlin 2012. 

Easton, Fraser, Gender’s Two Bodies: Women Warriors, Female Husbands and Plebeian Life, in: Past & Present 180 (2003), S. 131-174.

Steidele, Angela, In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, Berlin 2024. 

Davis, Natalie Zemon, Humanismus, Narrenherrschaft und die Riten der Gewalt. Gesellschaft und Kultur im frühneuzeitlichen Frankreich, Frankfurt am Main 1987.

Abbildungsverzeichnis

Darstellung von Catharina Margaretha Linck in Männer- und Frauenkleidung, Frontispiz des Pamphlets „Umständliche und wahrhaffte Beschreibung einer Land- und Leute-Betrügerin, erschienen im September 1720, anonymer Verfasser, Wikimedia Commons / Digitale Sammlungen der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, http://dx.doi.org/10.25673/96306 (Letzter Besuch: 10. April 2026)

Ausschnitt des Titelblatts von Trutz Simplex von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Nürnberg, 1670, Wikimedia Commons / Münchener Digitalisierungszentrum, https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb00084065?page=8,9 (Letzter Besuch: 10. April 2026)

Christian Davies (1667-1739), auch bekannt als Kit Cavanagh, die sich als Mann verkleidet der britischen Armee anschloss, um nach ihrem Mann zu suchen — ebenfalls ein Motiv für Frauen, Männerkleidung anzulegen. Wikimedia Commons / Scottish Military Historical Society


Anna-Lena Knebel

Anna-Lena Knebel studiert im Master Geschichte und Öffentlichkeit. Sie schloss ihr Bachelorstudium an der Universität Kassel im Fachbereich der Frühen Neuzeit ab.